2016-02-24 14:08:00

Reform „mit Mut“ angehen: Lombardis Abschieds-Interview


 

Die größtmögliche Reichweite ist für Radio Vatikan nicht der oberste Maßstab. Das sagte der scheidende Generaldirektor des päpstlichen Senders, Pater Federico Lombardi. In einem langen Interview mit „seinem“ Sender äußerte sich der 73-jährige Jesuit über die derzeit laufende Reform der vatikanischen Medien. „Im Erbgut von Radio Vatikan und seiner Mission steckte – besonders in Zeiten der Totalitarismen, speziell im Kommunismus – und steckt bis heute der Dienst an den verfolgten Christen, an den Armen, den Minderheiten, mehr als der absolute Gehorsam gegenüber dem Befehl, die Hörerschaft zu maximieren.“ Die Größe der Hörerschaft müsse angemessen berücksichtigt werden, sei aber „nicht alles“. Er hoffe, so Lombardi, „dass das auch in Zukunft nicht vergessen wird im Nachdenken über die Entwicklung der vatikanischen Kommunikation“. Wie man die Armen wirklich berücksichtigt und die „Kultur der Aussonderung“ in der neuen Welt der Kommunikation bekämpft, sei „eine schöne Herausforderung“ für den Vatikan.

Die Reform der vatikanischen Medien setzte unter Papst Franziskus Schritt für Schritt ein. Mit der Durchführung beauftragt ist das vom Papst 2015 geschaffene Sekretariat für Kommunikation, das der italienische Priester Dario Edoardo Viganò leitet. Lombardi stellte sich hinter die Reform, die „mit Mut“ angegangen werden müsse sowie mit Wertschätzung für die neue Kommunikationskultur und die neuen Technologien. Die vatikanischen Medien seien historisch betrachtet eines nach dem anderen und als getrennte Einheiten entstanden, jetzt sei die Zeit der „digitalen Zusammenführung“ gekommen, so Lombardi. Richtig sei auch, dass jüngere Kräfte diese Reform durchführten, Kräfte, die „offener und überzeugter von den Möglichkeiten des Neuen“ seien.

Der 1931 gegründete Radiosender sei bereits Mitte der 1990er Jahre in die digitale Kommunikation und die Multimedialität eingestiegen und habe sich über das reine Audio-Angebot hinaus ständig erweitert, besonders mit dem reichhaltigen Webauftritt in Dutzenden Sprachen und fünfzehn verschiedenen Alphabeten.

Der Name „Radio Vatikan“ steht auf der Kippe

Lombardi sagte, die Marke „Radio Vatikan“ werde bald der Vergangenheit angehören. „Ich mochte den Namen Radio Vatikan, der eine große Geschichte aufzeigt, aber in letzter Zeit habe ich diesen Namen gewissermaßen als Falle empfunden, als Quelle von Missverständnissen: er lässt nämlich denken, dass wir nur Audio-Programme herstellen zur traditionellen Verbreitung via Radio.“ Das führte laut Lombardi zu dem Einwand, das Radio gebe viel Geld aus für einen begrenzten Wirkungsraum in einem einzigen, noch dazu traditionellen Medium. Die Webseite von Radio Vatikan beweise das Gegenteil. „Aber jedenfalls glaube ich dass es gut ist, jetzt über den Namen Radio Vatikan hinauszugehen, um uns vom Gewicht dieses Missverständnisses zu befreien. Bei der laufenden Reform wird das geschehen.“

Radio Vatikan als eine der größten Einheiten im Vatikan ist Jahr für Jahr ein beträchtlicher Budgetposten im Haushalt und steht traditionell auch deshalb unter interner Kritik. Lombardi gab demgegenüber zu bedenken, dass „Kommunikation kostet und weiterhin kosten wird“. Seit jeher übernehme das Radio auch Dienste, die dem Vatikan in seiner gesamten Kommunikation zugute kämen: Die Aufzeichnung und Archivierung vatikanischer Zeremonien etwa oder die Übersetzung von Texten für das Staatssekretariat. „Alle diese Dienste kann man bei der Reform neu organisieren und umverteilen, aber wenn man sie nicht streichen will, brauchen sie Personal und Mittel wie zuvor, in einigen Fällen sogar mehr als zuvor. Man sollte sich nicht der Illusion hingeben, viel mehr tun und es besser tun zu können und zugleich weniger Ressourcen einzusetzen.“

Lombardi hatte in der vatikanischen Medienlandschaft unter drei Päpsten verschiedene hochrangige Dienste inne. 1991 bis 2005 wirkte er als Programmdirektor bei Radio Vatikan, danach als Generaldirektor. Zusätzlich wurde ihm 2001 (bis 2012) die Leitung des Vatikan-Fernsehens CTV anvertraut, 2006 als drittes Amt die Leitung des vatikanischen Pressesaals und mithin die Funktion des Pressesprechers. Über die geplante Bündelung des Vatikan-Fernsehens mit Radio Vatikan zeigte sich Lombardi zufrieden. CTV ist mit rund 25 Bediensteten vergleichsweise klein und wendig, „die hierarchische Leiter war ganz kurz“, wie Lombardi es ausdrückte. „Ich glaube, eine der Herausforderungen der Reform ist, die verschiedenen Medieneinheiten zusammenzuführen und zu koordinieren, ohne sie zu verkomplizieren. Ich wünsche mir, dass das gelingt.“

Der Reichtum von Radio Vatikan, eine „Werkstatt der Einheit in der Verschiedenheit“, muss erhalten bleiben

Lombardi bezeichnete Radio Vatikan, dem er 25 Jahre lang diente, als „wertvolle kirchliche Erfahrung, eine Werkstatt der Einheit in der Verschiedenheit: Einheit der Mission, Verschiedenheit der Sprachen. Das Radio zu leben ist eine Schule katholischer Universalität. Ich meine, dass dieser Reichtum erhalten werden muss, und ich freue mich, dass das auch in den Grundzügen der Reform anerkannt wird. Ich denke, eine Reduzierung aus wirtschaftlichen Spargründen wäre in Wahrheit eine echte Verarmung der vatikanischen Kommunikation.“ Im Gegenteil sollte der „ausgeprägte Sinn der Kirche für Mission“ dazu führen, Wege zu finden, um die Bandbreite nicht einzuschränken, sondern sie weiter anzureichern. Lombardi nannte das Beispiel der seit wenigen Monaten eröffneten Radio Vatikan-Webseite auf Koreanisch.

Besonders hob der scheidende Generaldirektor auch das „menschliche Erbe“ von Radio Vatikan hervor. Nach vielen technischen Lern- und Wachstumsprozessen arbeiteten im Sender heute „mehr als 300 engagierte und motivierte Menschen, die mit ihren menschlichen und beruflichen Fähigkeiten und ihrer kirchlichen Motivation im Dienst des Heiligen Stuhls verbleiben möchten. Sie müssen so gut wie möglich begleitet und wertgeschätzt werden.“ Die Verantwortlichen der Medienreform hätten mehrmals die Sicherheit der Arbeitsplätze bekräftigt und auch Weiterbildungen in Aussicht gestellt. Lombardi begrüßte das, mahnte aber zugleich ein, dass eine Reihe von befristeten Arbeitsverträgen bald in unbefristete verwandelt werden sollten.

Die Jesuiten in der vatikanischen Kommunikation: wie weiter?

Lombardi ist der letzte Generaldirektor von Radio Vatikan aus dem Jesuitenorden; bei seiner Gründung 1931 hatte Pius XI. den Sender dieser Gemeinschaft anvertraut. Lombardi hob einige Mitbrüder im Dienst von Radio Vatikan hervor, darunter Pater Eberhard von Gemmingen, der 1982 bis 2009 die deutschsprachige Redaktion geleitet hatte. Immer hätten sich die Jesuiten mit uneigennütziger Gesinnung in den Dienst des Senders gestellt. „Wir sind nie damit hausieren gegangen, aber es stimmt, dass die Jesuiten nicht in das normale Gehaltsschema eingegliedert sind. Der Lohn wird an die Gemeinschaft überwiesen und niedriger berechnet als für Laien und andere Ordensleute, was eine nicht unbeträchtliche Einsparung ermöglichte.“ Die Jesuiten hätten die Verantwortung übernommen in einer Einrichtung, „die von ihrer Natur her beachtliche Kosten und praktisch kaum mögliche Einkünfte hat, was in die unangenehme Lage versetzte, immer viel Geld verlangen zu müssen und nie welches einzubringen. Nicht viele hätten sich über Jahrzehnte Kritiken und Einwänden ausgesetzt und diese Situation ertragen. Wir haben es ohne Zögern getan, weil wir an die uns übertragene Mission glaubten.“

Papst Franziskus habe den Wunsch ausgedrückt, dass die Jesuiten – der Orden, dem der Papst selbst angehört – weiterhin einen Dienst in der vatikanischen Kommunikation ausüben. „Aber da Radio Vatikan nicht mehr existiert, das ihnen per Statut anvertraut war, muss man einen neuen Bereich der Zuständigkeit für die Jesuiten identifizieren.“ Das sei eine offene Frage, er sei aber zuversichtlich, so Lombardi, dass der Erneuerungsprozess mit viel gutem Willen und gemeinsam vorangetragen werde.

Federico Lombardi ist nach dem Papst das bekannteste Gesicht des Vatikan. Zwar rangiert er als einfacher Ordenspater hierarchisch hinter den Kardinälen, Bischöfen und hohen Prälaten der Kurie. Aber er ist in der Öffentlichkeit ständig präsent, um über Papst und Vatikan zu informieren. Lombardi stammt aus dem Piemont - auch Heimat der Eltern von Papst Franziskus. Er wuchs in Turin auf und studierte zunächst Mathematik, dann Theologie, unter anderem in St. Georgen Frankfurt /Main, wo er auch als Kaplan für die italienischen Gastarbeiter eingesetzt war. Aus dieser Zeit stammen Lombardis Deutschkenntnisse. In Rom leitete der Jesuit die Zeitschrift seines Ordens, „Civiltà cattolica“, das katholische Intellektuellenblatt Italiens schlechthin. 1991 wechselte er zu Radio Vatikan. Im Abschiedsinterview mit seinem Sender erinnert sich Pater Lombardi auch persönlich an sein Vierteljahrhundert an der Piazza Pia zurück, das ist die Adresse der Redaktion vis à vis der Engelsburg.

„Als ich zu Radio Vatikan kam, kannte ich die vatikanische Welt nicht direkt. Aber ich war über zehn Jahre bei der Civiltà Cattolica gewesen, und das war eine wunderbare Vorschule für die Frage der Information und der Kommunikation im Einklang mit dem Dienst des Papstes und des Heiligen Stuhles. Am meisten faszinierte mich sofort der Welthorizont in der Informationstätigkeit des Radios, auch die Internationalität des Personals: die Angestellten kommen aus 60 verschiedenen Staaten mit ihren Kulturen, Sprachen und Alphabeten. Ich musste mich auch an eine andere Ausdrucksweise gewöhnen. Da ging es nicht mehr wie bei der Jesuitenzeitschrift um lange und mit Fachwissen gespickte Aufsätze, sondern um kurze Informationsstücke von ein bis zwei Minuten Länge. So kurz und klar wie möglich. Da hat mir, glaube ich, meine mathematische Bildung geholfen.“

In den ersten 15 Jahren, von 1991 bis 2005, wirkte Lombardi als Programmdirektor. Da ging es hauptsächlich um die Inhalte, aber auch um die Nähe zum Leben der Redaktionen und ihrer Mitarbeiter.

Die glücklichste Zeit: In Vollzeit für Radio Vatikan

„Es waren sehr tiefe und schöne menschliche Kontakte, mit Redakteuren und Redakteurinnen, auch mit Technikern, auch wenn die nicht direkt mir unterstanden. Ich muss sagen, das war vielleicht die glücklichste Zeit, denn da konnte ich mich wirklich in Vollzeit Radio Vatikan widmen, von früh bis spät.“

2001 entschied Papst Johannes Paul II., den tüchtigen Radio Vatikan-Jesuiten auch an die Spitze des Vatikan-Fernsehens CTV zu setzen. 2006 kam auch der Pressesaal dazu. Dem Radio selbst blieb Lombardi erhalten, er stieg aber auch hier auf, nämlich zum Generaldirektor, also zum Intendanten.

„Das war eine mehr verwalterische Aufgabe, die weniger Nähe zu den Redaktionen verlangte, und das war auch besser vereinbar mit meinen anderen Aufgaben. Normalerweise verlief das dann für mich so: Morgens ganz früh im Radio, dann im Pressesaal, am späten Vormittag im Fernsehen. Nachmittag und Abend wieder im Radio. Es war wirklich viel Arbeit, aber nie habe ich daran gedacht darum zu bitten, Radio Vatikan verlassen zu können. Das war die Aufgabe, für die meine Ordensoberen mich zum Dienst in den Vatikan geschickt hatten. Ich habe Radio Vatikan immer als meine erste und grundlegende Aufgabe betrachtet. Mein Haus im Vatikan ist immer das Radio geblieben.“

Die größte Enttäuschung in 25 Jahren für Lombardi: dass es nicht gelang, ein Programm in der nigerianischen Sprache Haussa einzuführen.

„Die Bischöfe Nordnigerias hatten sehr darum gebeten. Das ist die Region, in der heute Boko Haram wütet. Ich hatte das Radioprogramm in Haussa schon auf die Beine gestellt, Kostenfaktor fast null. Nigerianische Ordensleute in Rom hätten die Sendungen gestaltet, in Zusammenarbeit mit einem katholischen Radiosender in Nigeria. Das einzige, was zu zahlen gewesen wäre, war der Strom für die Übertragung, weniger als 30 Euro pro Tag. Die erste Sendung war schon auf Sendung gegangen, und dann wurde mir beschieden, ich müsse das Vorhaben aufgeben, meiner Meinung nach aus Sorge, dass das Radio sich nicht zu sehr ausbreite. Für die Nigerianer war das eine herbe Enttäuschung. Für mich war es die falsche Entscheidung, sie lief einer echte menschlichen und kirchlichen Notwendigkeit zuwider. Wir hätten eine kleine, aber bedeutsame Antwort geben können, indem wir eine arme und geplagte Bevölkerung unterstützen und ihr Aufmerksamkeit schenken.“

40.000 Dankesbriefe aus der Ukraine

Am meisten erfreuten Lombardi, wie er erzählt, Rückmeldungen von Radio Vatikan-Hörern aus schwierigen Lebensumständen.

„Ich erinnere mich an die Briefe einer Krankenschwester, die als Freiwillige in Somalia arbeitet, allein in einem Umfeld voller Muslime, und die uns regelmäßig hörte. Ich erinnere mich an die 40.000 Briefe voller Dankbarkeit aus der Ukraine im Jahr nach dem Fall des Sowjet-Regimes. Und viele andere.“

Pater Federico Lombardi bleibt Pressesprecher des Heiligen Stuhles. Als Generaldirektor von Radio Vatikan scheidet er am 29. Februar 2016 aus dem Amt.

(rv 24.02.2016 gs)

 

 








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