2015-06-21 11:38:00

Papst in Turin: Seid die Handwerker der Zukunft!


Die Papstreise in Turin eröffnete Franziskus ganz bewusst mit einer bewegenden und leidenschaftlichen Ansprache zur Rolle der Arbeit in unserer Gesellschaft. Er rief zur sozialen Gerechtigkeit auf, betonte die wichtige Funktion der Arbeit für die menschliche Würde. Er warnte vor einer erbarmungslosen Wirtschaft, vor der immer größer werdenden Geldgier und vor der wachsenden Jugendarbeitslosigkeit. Vereinzelte Pfiffe waren auf dem gesteckt vollen Platz zu hören, als Bergoglio einem berühmten Manager die Hand schüttelte: Sergio Marchionne, Chef des Autokonzerns Fiat (heutzutage fusioniert zu FCA, Fiat Chrysler Automobiles). Unter seiner Regie überlebte der Konzern in den letzten Jahren eine tiefe Krise, allerdings um den Preis drastischer Einschnitten und der Entlassung zahlloser Arbeiter. 

Persönliche Zeugnisse aus dem Leben der Berufswelt und den komplizierten Situationen der Menschen in der Hauptstadt der Region Piemont bewegten den Papst. Er hörte die Erzählung einer jungen Mutter und Fabrikarbeiterin namens Alexandra, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, lange von der Arbeitslosenhilfe lebte und nun einen Job in der Maserati-Fabrik gefunden hat, während ihr Mann seit zwei Jahren arbeitslos ist. Ein Gärtner schilderte, wie sein Familienunternehmen immer wieder durch die Wirtschaftskrise leiden muss, und ein Unternehmer, wie er in der Textilbranche ums Überleben kämpft: um sein eigenes wirtschaftliches Überleben ebenso wie für das seiner Arbeiter.

Franziskus betonte nach diesen Erzählungen seine Nähe vor allem mit den jugendlichen Arbeitslosen, aber auch mit jenen in prekären Arbeitsverhältnissen. Die alte Industriestadt Turin erlebe in wirtschaftlicher Hinsicht gerade einen Umbruch, der viele Menschen den Job gekostet habe und für Perspektivlosigkeit sorge. Doch es seien nicht die Migranten, die daran Schuld seien, hob der Papst hervor. Die Migranten seien lediglich Opfer der „Bosheit, einer nicht nachsichtigen Wirtschaft und des Krieges“. Wörtlich sagte Franziskus: „Es bringt einem zum Weinen, die Aktionen dieser Tage zu betrachten, wo Menschen wie Ware behandelt werden.“

Papst Franziskus rief vor den vielen Menschen – Arbeitslose, Arbeitsgeber und –nehmer zum Widerstand auf. Die Menschen seien dazu aufgerufen „Nein“ zu sagen. Nein zu einer Wirtschaft, die andere ausschließe, die eine absolute Armut missachte. In Turin lebten rund zehn Prozent der Menschen unter der Armutsgrenze. Alles was nicht produziere – wie Kinder, ältere Menschen oder jugendliche Arbeitslose – werde von dieser Gesellschaft ausgeschlossen. Man nutze sie aus und entsorge sie im Anschluss. Er prangerte ebenso an, dass Frauen, die eine Doppelbelastung tragen müssten mit den Verpflichtungen im Job und in der Familie, immer noch diskriminiert und benachteiligt werden in der Arbeitswelt.

Nein zur Korruption, Nein zur Bosheit, so lauteten die Rufe von Papst Franziskus: „Wir sind dazu aufgerufen ‚Nein‘ zur Korruption zu sagen, die so weit verbreitet ist und die bereits ein normales Verhalten scheint. ‚Nein‘ zu mafiösen Kungeleien, zu den Betrügereien, den Schmiergeldern und weiterem.“

Turin, aber auch die ganze Welt sei aufgerufen, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Die Hoffnung solle vor allem in die Jugend gesetzt werden, und die Älteren solle als die Bereicherung der Bevölkerung gesehen werden. Nur gemeinsam sei das Entkommen aus der Krise möglich.

„Seid kreativ. Seid täglich Handwerker, Handwerker der Zukunft. Mit dieser Hoffnung des Herren, die uns nie enttäuscht. Aber die benötigt auch unsere Mitarbeit.“

Nach seiner Rede begab sich Franziskus in den Turiner Dom, wo das Grabtuch noch bis kommenden Mittwoch ausgestellt ist. Im Anschluss an das Gebet vor dem Tuch fuhr der Papst im offenen Papamobil unter dem Jubel Tausender Menschen weiter zur Piazza Vittorio Veneto im Stadtzentrum, wo er die Messe feierte.

(rv 21.06.2015 no)








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