2015-06-06 10:31:00

Papst an Politiker: Einheit in Vielfalt ist keine Utopie


Kurz nach seiner ersten offiziellen Rede in Bosnien-Herzegowina ließ Franziskus Gesten sprechen – vor dem Präsidentenpalast in Sarajevo ließ der Papst mehrere weiße Friedenstauben in den Himmel aufsteigen. Sie sollen Franziskus‘ Segen über das kriegs- und krisengeschüttelte Land und seine ethnischen Gruppen verteilen. Davor hatte der Papst im Präsidentenpalast vor Vertretern der bosnischen Politik und Gesellschaft zur Heilung der immer noch schmerzenden Wunden der Kriegsvergangenheit aufgerufen und Hass und Hetzerei eine deutliche Absage erteilt.

Alle Bürger und Verantwortungsträger seien dazu aufgerufen, Friedens- und Dialogarbeit zu leisten, die Volksgruppen müssten vereint, nicht entzweit werden, so Franziskus: „Um sich erfolgreich der Barbarei derer entgegenzustellen, die jeden Unterschied zum Anlass und Vorwand für immer grausamere Gewalt nehmen möchten, ist es nötig, dass wir alle die Grundwerte des gemeinsamen Menschseins anerkennen. Im Namen dieser Werte kann und muss man zusammenarbeiten, aufbauen und miteinander reden, vergeben und wachsen und so es den verschiedenen Stimmen möglich machen, einen edlen harmonischen Gesang zu bilden anstatt fanatischen Hassgeschreis.“

„Ich bin als Pilger des Friedens und Dialoges gekommen“, unterstrich Franziskus, der als Motto für seine Reise „Der Friede sei mit euch“ gewählt hatte. 20 Jahre nach Abschluss des Dayton-Abkommens sei eine Konsolidierung des Friedens in der Region weiter vonnöten, die Dramen der Kriegsvergangenheit seien eine „Mahnung“, alle notwendigen Schritte auf dem Weg zu einem friedlichen Zusammenleben zwischen Kroaten, Serben und Bosniaken zu gehen und die bisher geleistete Versöhnungsarbeit „unumkehrbar“ zu machen. Die gemachten Fortschritte sehe er „mit Freude“, so der Papst. Man dürfe sich aber „nicht mit dem zufrieden geben, was bisher verwirklicht wurde“, sondern müsse danach trachten, „weitere Schritte zu vollziehen, um das Vertrauen zu stärken, und Gelegenheiten zu schaffen, um die gegenseitige Kenntnis und Wertschätzung zu steigern. Um diesen Lauf zu fördern, sind die Nähe und die Mitarbeit der internationalen Gemeinschaft, insbesondere der Europäischen Union, und aller Länder und Organisationen, die auf dem Gebiet von Bosnien und Herzegowina präsent und tätig sind, wesentlich.“

„Friede und Eintracht“ zwischen den Volksgruppen und „brüderliche Beziehungen“ zwischen Muslimen, Juden und Christen könnten nicht nur Europa zeigen, dass Einheit in der Vielfalt keine Utopie sei: „Sie bezeugen der ganzen Welt, dass die Zusammenarbeit von verschiedenen Volksgruppen und Religionen im Hinblick auf das Gemeinwohl möglich ist, dass ein Pluralismus der Kulturen und Traditionen existieren und echte wirksame Lösungen der Probleme hervorbringen kann, dass auch die tiefsten Wunden durch einen Prozess geheilt werden können, der das Gedächtnis reinigt und Hoffnung für die Zukunft gibt.“

Dazu brauche es vor allem Hoffnung darauf, dass solch ein Pluralismus möglich sei. „Diese Hoffnung habe ich heute bei den Kindern gesehen, die mich am Flughafen begrüßt haben: Muslime, Christen und Juden, alle mit großer Freude. Da sieht man die Hoffnung.”

Die Politik rief der Papst dazu auf, Religionsfreiheit und „effektive Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz“ zu garantieren, „Welcher Volksgruppe, Religion oder Region auch immer sie angehören: So werden sich alle ohne Unterschied als volle Teilhaber des öffentlichen Lebens fühlen und dadurch, dass sie sich der gleichen Rechte erfreuen, werden sie ihren spezifischen Beitrag zum Gemeinwohl aktiv leisten können.“ Der Papst erinnerte insbesondere an den „materiellen“ und „moralischen“ Beitrag der katholischen Kirche zum Wiederaufbau von Bosnien und Herzegowina. Ein „zivilisiertes und geordnetes Miteinander“ sei „unerlässliche Bedingung für echte und dauerhafte Entwicklung“, erinnerte der Papst: „Der Heilige Stuhl hofft sehr, dass Bosnien und Herzegowina mit dem Beitrag aller – nachdem die schwarzen Wolken des Sturmes endlich abgezogen sind – auf dem eingeschlagenen Weg fortschreiten kann, so dass nach dem frostigen Winter der Frühling aufblühe. – Mit diesen Empfindungen erbitte ich vom Allerhöchsten Frieden und Wohlergehen für Sarajevo und ganz Bosnien und Herzegowina.“

Vor seiner Ansprache war Franziskus mit den drei Mitgliedern des Staatspräsidiums von Bosnien-Herzegowina zusammengetroffen. Dem Gremium, das die Funktion eines Staatsoberhauptes wahrnimmt, gehören stets ein Bosnier, ein Kroate und ein Serbe an. Der Vorsitz wechselt alle acht Monate. Derzeit hat ihn der Serbe Mladen Ivanic inne.

Empfang in allen Ehren

Franziskus war am frühen Morgen pünktlich auf dem Flughafen von Sarajevo gelandet. Auf der Maschine der italienischen Fluggesellschaft Alitalia waren die Flaggen des Vatikanstaates und Bosnien-Herzegowinas angebracht. Begrüßt wurde der Papst vom kroatischen Repräsentanten des Staatspräsidiums von Bosnien-Herzegowina, Dragan Covic, und dem Vorsitzenden der nationalen Bischofskonferenz, Kardinal Vinko Puljic, dem Erzbischof von Sarajevo. Auch der Apostolische Nuntius Luigi Pezzuto und der Sekretär des Apostolischen Nuntiatur, Joseh Puthenpurayil Antony, waren vertreten. Im Gefolge des Papstes reisen die Kardinäle Tauran und Koch, Verantwortliche für das interreligiöse bzw. ökumenische Gespräch, sowie Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. Viel Zeit nahm sich der Papst auf dem Flughafen für eine Gruppe Kinder verschiedener ethnischer Gruppen, die sich – in traditionelle Trachten gekleidet – auf dem Flughafen aufgereiht hatten.

Hohe Sicherheitsvorkehrungen

Der Empfang fand unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Auf den Dächern des Flughafengebäudes waren Scharfschützen postiert. Drei Militärhubschrauber kreisten ständig über dem Airport. Der Ford, mit dem Franziskus im Anschluss Richtung Präsidentenpalast fuhr, wurde von Wagen und Motorrädern der Sicherheitskräfte flankiert.

(rv 06.06.2015 pr)








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